Vogel Strauß wagt es - eine Leseanweisung für die Orientierungshilfe

Ich verstehe, warum die evangelische Orientierungshilfe zu Ehe und Familie so umstritten ist:  

Sie ist nichts weniger als revolutionär. Das vollständige Fehlen von moralistischer Klage, von (zumeist männlicher) Ironie, zeigt, dass hier Frauen und Männer, Theologen und "Laien" gleichberechtigt geschrieben haben aus eigener Erfahrung. In ihrer vorbehaltlosen Wahrnehmung der Situation von Menschen aus rechtlicher, historischer, soziologischer und theologischer Sicht diskutiert sie auf der Höhe der Zeit. Die Orientierungshilfe lässt übliche Diskussionen um ewige Treue, reine Lippenbekenntnisse zur Förderung der Familie und vor allem jegliche Doppelmoral weit hinter sich.

Wer sie wirklich liest, wird neidlos feststellen müssen: es ist ein Kompendium der Familienforschung, eine Orientierung für die Familienpolitik und erkennt eigene Verantwortlichkeit im kirchlichen Handeln, in Liturgie, Bildung und Diakonie!

Warum wird sie missverstanden? Weil sie viel anspruchsvoller ist als die gewohnten theologischen Formeln!

Denn Liebe lässt sich nicht verstehen ohne Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Und Familie erst recht nicht. Versuchen wir die Hauptaussagen mit diesem hermeneutischen Dreieck zu verstehen!

Liebe ohne Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ist verantwortungslos

Beispiel: Lange Zeit diskriminierendes Eherecht ohne Gleichberechtigung der Frauen. Trennung aus Gründen fehlender Gerechtigkeit sind aus Sicht der Kirche in Ordnung. Ehe auf Dauer war von Jesus als Schutz gedacht und nicht als zusätzlicher Zwang!

Liebe als Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist gewalttätig

Beispiel: Das Hochhalten eines Privilegs von Ehe und Familie bewirkt, dass real existierende familiäre Gemeinschaften als illegitim betrachtet werden. Rechtlich und theologisch benachteiligt werden Millionen Frauen und Kindern schutzlos.

Liebe als Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist unsolidarisch

Beispiel: Unser politisches System von "CARE", pflegenden und fürsorglichen Beziehungen auch zwischen den Generationen: das ist Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit für hauptsächlich Frauen!

Liebe, begleitet von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist auch ein zeitgemäßes theologisches Koordinatensystem.

Wenn ich der "Orientierungshilfe" etwas vorzuwerfen habe, dann: sie ist so differenziert ist, dass sie den Mut verliert, sich sprachlich eindeutig zu äußern. Denn Orientierung kann nur geben, wer verstanden wird ... und das versuchen die meisten Zeitungskommentare noch nicht einmal.

Trotzdem: Wie die Orientierungshilfe den Stand der Diskussion und die Wahrnehmung der Situation der Familie in Deutschland wiedergibt, ist ein großer Fortschritt. Ein Vogel Strauß alias evangelische Kirche hat den Kopf aus dem Sand erhoben und wird ihn nicht mehr hineinstecken, rufen ihn auch noch so viele auf, wieder in Deckung zu gehen!